Die Fuchsschwanz Agave, Spiegel unser Selbst

February 16, 2018

 

Vor einigen Tagen war ich mit Freunden in einem kleinen, gemütlichen Dorf ausserhalb von Santa Cruz in Bolivien zu Besuch. Eines Morgens, beim Spazieren durch den Garten des Ferienhauses dieser Freunde, blieb ich vor einer Pflanze stehen. Sie erweckte meine Aufmerksamkeit auf spezielle Weise. Es handelte sich dabei um eine wunderschöne Fuchsschwanz Agave.

 

Langsam umwandelte ich die Agave, ihre Ästhetik und Ausstrahlung bewundernd. Plötzlich spürte und erkannte ich, wie diese Pflanze unseren Werdegang als Einzelpersonen, aber auch als Gesellschaft auf wunderbare Weise wiederspiegelte! 

 

Im Zentrum der Pflanze befinden sich die noch ungeöffneten oder leicht offenen Blätter, geschützt von den bereits offenen, gestärkten und kraftvollen Blättern. 
In unserem Leben spiegelt dies das Heranwachsen des Embryos. Geschützt in der Gebärmutter, umgeben von der Hingabe und Liebe der Eltern, Familie und der Sippe oder Gemeinschaft wächst der Fötus heran. 

 

Folgend ist die zweite Agavenschicht der Blätter kraftvoll, farblich leuchtend und gesund. Bei uns sind das die Eltern. 

 

Je weiter nach unten ich der Pflanze entlang blickte, umso bräunlicher, geschwächter und zerbrechlicher zeigten sich die Blätter. Einige waren offensichtlich krank, andere angefressen, etwas ausgetrocknet oder angerissen. Bei uns in der Familie, in der Gesellschaft, wären dies die älteren Generationen. Denn von beiden Seiten einbettet, sind diese bereits etwas geschwächten Blätter geschützt. Bei uns werden (oder sollten) die Folgegenerationen ebenfalls umschützt werden. 

 

Ganz zum Schluss, vor dem Stamm, sah ich die letzte Generation der Blätter. Von diesen war bei einigen so gut wie nichts mehr vorhanden. Einige ein Stumpf, schwach und gebrechlich. Andere etwas stärker aber ganz klar erkennbar kurz vor dem Abfallen von der Agave. Bei uns steht dies für die letzte irdische Zeit, vor dem Übergang in die andere Welt. 

 

Diese Vergänglichkeit so bewusst erkennend, war ich zuerst etwas betroffen. Die Pflanze noch genauer betrachtend, fiel mir wundersam auf: 

 

Die abgestorbenen Blätter werden zum Stamm! Ohne die Blätter die abfallen, könnte die Agave gar nicht weiterwachsen! Dank der Existenz der vorhergegangenen Blätter wächst die Pflanze weiter und weiter!
Bei uns sind es die Ahnen, die das Grundbett unserer Existenz erschufen. Dank dem Einsatz unserer Grosseltern und Urgrosseltern, ja überhaupt all unserer Vorfahren, bekamen wir erst die Möglichkeit, das zu sein, was wir heute sind! Dank ihnen existiert unsere Mystik, Kultur, Gemeinschaft und Tradition! 

 

Die existenzielle Grundlage der Pflanze, die Wurzeln, tragen die Pflanze. Sie halten sie fest und erlauben ihr weiterhin, dem Himmel entgegen zu wachsen.
Bei uns entspricht dies den Werten unserer Legenden, urtümlichen Spiritualität und der kulturellen Verankerung.

 

Egal ob Fötus in der Gebärmutter oder Wurzelstrang in der Erde, alles ist miteinander verbunden und das Ganze funktioniert nur im Einklang! 

 

Anders wahrnehmend, trat ich einen Schritt zurück. Die Agave ist wahrhaftig ein wunderschönes Sinnbild: Ein Spiegel unserer Selbst, unserer Gesellschaft, unserer Tradition, spirituellen Mystik und Kultur! Ich empfand eine tiefe Dankbarkeit, nicht nur für meine Eltern und Grosseltern, sondern auch für all jene Vorfahren, Urväter und Urmütter die ich nie kennengelernt habe. Die Dankbarkeit ging auch an jene die unsere Traditionen und Werte ursprünglich erschufen, sich für uns hingaben, um so zu einem Stamm zu werden. Ein Stamm der uns wachsen liess und hoffentlich auch noch lange weiterwachsen lässt! 

 

In allen persönlichen Entwicklungen ist es ganz wichtig, sich nie dem ganzheitlichen Ursprung zu verschliessen! Unsere Wurzeln sind nicht nur im Himmel und dem Universum zu finden, sie sind ebenso stark in unseren Vorfahren, in der Mystik und Kultur, in traditionellen Ritualen und in den Legenden.

 

 

 

Der einzelne ist sich nicht hinreichend; Gesellschaft bleibt eines wackeren Mannes Gesellschaft.
                                                                             - Johann Wolfgang von Goethe

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